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Mehrwert: So ist Berlin wirklich
1UP
Warum diese drei Zeichen für viele Berliner mehr waren als Graffiti
1UP gehört zu den bekanntesten Graffiti-Crews aus Berlin. Seit 2003 taucht der Name – kurz für One United Power – auf Dächern, U-Bahnen, Fassaden und Zügen in Berlin und weltweit auf.
Für uns ist 1UP Kunst, Subkultur und Berliner Geschichte. Für die anderen Sachbeschädigung. Beides gehört zur Geschichte dazu.
Wer ist 1UP Berlin?
1UP steht für „One United Power“ und ist eine Berliner Graffiti-Crew, die seit 2003 aktiv ist. Bekannt wurde sie durch großformatige Graffiti, Zugbemalungen, internationale Aktionen und eine ungewöhnlich kollektive Arbeitsweise.
Wofür steht One United Power?
One United Power bedeutet sinngemäß „Eine vereinte Kraft“. Im Selbstverständnis der Crew stehen Gemeinschaft, Freundschaft, Aktion und Zusammenhalt stärker im Vordergrund als einzelne Namen oder individuelle Bekanntheit.
Woher kannte man 1UP?
So Freunde,
bevor wir über internationale Ausstellungen, Filme oder Politik sprechen, muss man vielleicht etwas erklären.
Ich bin in Berlin-Friedrichshain nahe der Oberbaumbrücke aufgewachsen.
Und wenn man dort aufwächst, kommt man an Graffiti nicht vorbei – und schon gar nicht an 1UP.
Graffiti in Berlin war für mich lange kein Thema. Es war einfach da.
An den Bahnhöfen der U1. Auf Hochhäusern und Dächern entlang der Ringbahn. Auf Plattenbauten und U-Bahnhöfen. Später in Sichtweite der neuen A100.
Irgendwo stand immer etwas. Irgendwo war immer Farbe.
Und das klingt heute fast komisch, aber mir wurde ehrlich gesagt erst ziemlich spät bewusst, dass das überhaupt nicht erlaubt ist.
Nicht weil mir das jemand erklärt hätte.
Sondern weil es sich nie wie etwas Fremdes angefühlt hat.
Viele in meiner Klasse kannten 1UP damals nicht aus Dokumentationen oder aus dem Internet. Sondern über große Geschwister, über Graffiti-Läden rund um die Warschauer Straße oder einfach, weil man die Schriftzüge ständig gesehen hat.
Gerade Ende der 2000er wurde viel geredet auf den Straßen.
Wer irgendwo was gemalt hat.
Welche Crew unterwegs war.
Wer erwischt wurde.
Wer irgendwo ein neues Dachbild gemacht hat.
Und in meinem Umfeld fühlte es sich damals manchmal so an, als würde entweder jeder selbst malen oder mindestens jemanden kennen, der in einer Crew war.
Grüße an Philipp und SAL.
Heute wirkt das manchmal größer erzählt als es vielleicht war.
Damals war es einfach Alltag.
Und genau deshalb ist 1UP für mich kein guter Einstieg in einen klassischen Street-Art-Blog.
Weil 1UP nicht mit Kunst angefangen hat.
Sondern mit Berlin.
Mit einem Berlin, das Anfang der 2000er noch deutlich rauer war als heute.
Berliner Pflicht ist es ebenfalls, diese Dokumentation von 1UP zu sehen.
Warum konnte 1UP genau in Berlin entstehen?
Die kurze Antwort: Weil Berlin Anfang der 2000er eine andere Stadt war.
Nicht leer. Nicht gesetzlos.
Aber mit deutlich mehr Zwischenräumen.
Mehr Dächer, mehr Brachen, mehr Häuser, die niemand sofort verwertet hat. Mehr Ecken, an denen nicht sofort jemand zuständig war. Und genau in so einer Stadt entsteht selten nur eine Graffiti-Crew.
Es entsteht eine Haltung.
1UP wurde im September 2003 in Berlin gegründet und entstand aus einem kleinen Kreis, der später zu einem größeren Kollektiv wurde. Die genaue Mitgliederzahl blieb immer bewusst unklar.
Mal war von rund zehn Personen die Rede, mal von deutlich mehr. Entscheidend war ohnehin etwas anderes: Nicht einzelne Namen sollten sichtbar werden – sondern nur drei Zeichen. 1UP.
Interessant ist dabei, dass die Crew sich selbst nie besonders über klassische Graffiti-Regeln definiert hat.
Im Interview beschreiben sie etwas, das fast ungewöhnlich klingt für eine Szene, die oft von Namen, Styles und Anerkennung lebt:
Mitglied wird man nicht über Talent.
Nicht weil jemand besonders schöne Buchstaben malt.
Sondern über Zeit.
Über Vertrauen.
Über Reisen.
Über Freundschaft.
Über gemeinsam Erlebtes.
Die Crew beschreibt sich selbst eher als Familie als als Organisation. Wer filmt, aufpasst, Türen öffnet oder malt – gehört dazu. Entscheidungen würden eher aus Konsens entstehen als aus Hierarchie.
Das erklärt vielleicht auch, warum 1UP anders wirkte als viele Bilder, die man von außen im Kopf hat.
Wenn man nie mit Graffiti zu tun hatte, denkt man oft zuerst an den einzelnen Sprayer.
Der einsame Typ mit Kapuze.
Die Interviews zeigen eher etwas anderes:
Gruppendynamik.
Logistik.
Absprachen.
Vertrauen.
Und manchmal 20 Leute für eine Aktion, die nach anderthalb Minuten wieder vorbei ist.
Dabei ging es oft erstaunlich wenig um das perfekte Ergebnis.
Die Crew beschreibt selbst, dass bei einem Wholetrain mal Farbe fehlte, Linien nicht fertig wurden oder Details vergessen wurden – und die Aktion trotzdem gelungen war.
Weil das Werk für sie nicht nur auf dem Zug entstand.
Sondern schon beim Planen.
Beim Filmen.
Beim Aufpassen.
Beim gemeinsamen Weg zurück.
Und vielleicht liegt genau da etwas sehr Berlinerisches.
Viele verbinden Berlin heute mit Clubs, Start-ups oder Cafés.
Aber ein großer Teil der Stadt wurde jahrzehntelang über Aneignung gebaut.
Freie Räume.
Zwischennutzung.
Besetzte Häuser.
Selbst machen.
Nicht warten.
1UP selbst nennt als Einflüsse das alte Kreuzberg, Freiräume, Multikulti und sogar Ton Steine Scherben als Teil dieses Denkens.
Das bedeutet nicht, dass jeder diese Haltung gut finden muss. Aber ohne diese Stadt wäre 1UP wahrscheinlich nie entstanden.
Und ohne 1UP würde Berliner Graffiti-Geschichte heute anders aussehen.
Die meisten erleben Berlin immer gleich.
Sehenswürdigkeiten, lange Wege, viel Googeln.
Und am Ende: viel gesehen, aber wenig verstanden.
Berlin funktioniert anders.
Die Stadt zeigt sich nicht über Hotspots –
sondern über Orte, die man kennen muss.
Ich bin Berliner und arbeite seit Jahren in der Hotellerie
und sehe täglich, wie Besucher die Stadt erleben – und oft falsch einschätzen.
Genau deshalb habe ich über 500 echte Orte in Berlin gesammelt.
Keine Touri-Spots. Keine klassischen Listen.
Sondern Orte, die hier wirklich funktionieren –
direkt in deinem Google Maps, sofort nutzbar.
Warum sieht man 1UP überall in Berlin?
Die kurze Antwort: Weil Sichtbarkeit nie Zufall war.
1UP hat nicht versucht, besonders versteckt zu malen.
Eher das Gegenteil.
Dächer.
Züge.
Hausfassaden.
Hochpunkte.
Stellen, die man jeden Tag sieht, ohne aktiv danach zu suchen.
Viele ihrer Arbeiten entstanden als sogenannte Throw-Ups – schnelle, großflächige Schriftzüge – oft ergänzt durch Roller, Feuerlöscher oder andere Techniken, mit denen in kurzer Zeit möglichst große Flächen gestaltet wurden. Silber spielte dabei oft eine besondere Rolle: gute Deckkraft, starke Reflexion, hohe Sichtbarkeit.
Wenn man heute Fotos von 1UP sieht, wirken manche Aktionen fast wie fertige Medienproduktionen.
Dabei gehört genau das zur Geschichte.
1UP hat früh verstanden, dass Graffiti irgendwann nicht mehr nur auf der Wand endet.
Filme.
Dokumentation.
Verbreitung.
2011 veröffentlichten sie ihren Film „One United Power“, der Aktionen aus verschiedenen Ländern dokumentierte und später sogar im Kino gezeigt wurde. Jahre später kamen Ausstellungen, Bücher und internationale Kooperationen dazu.
Und trotzdem blieb die Stadt immer sichtbar.
Nicht als Kulisse.
Sondern als Ursprung.
Ich erinnere mich noch ziemlich gut an meine Zeit im Kunsthaus Tacheles.
Ich müsste ungefähr 14 oder 15 gewesen sein. Wir waren oft dort.
Nicht wegen eines Programms.
Nicht weil irgendein Event angekündigt war.
Sondern weil man dort einfach hingehen konnte.
Schlendern.
Zeit verbringen.
Leute beobachten.
Heute klingt das fast konstruiert, aber damals war das ein ziemlich normaler Nachmittag.
Und gleichzeitig überhaupt nicht normal.
Im Tacheles liefen die seltsamsten Menschen herum.
Künstler.
Touristen.
Obdachlose.
Dealer.
Leute, bei denen man nie wusste, ob sie dort arbeiten, wohnen oder einfach seit drei Tagen dort sitzen. Und trotzdem hatte man dort erstaunlich oft gute Gespräche.
Ich habe dort mein erstes Live-Bombing von 1UP gesehen.
Nicht als großes Spektakel.
Nicht mit Handy hochhalten.
Sondern eher nebenbei.
So wie vieles damals in Berlin passiert ist.
Und dort habe ich auch meine ersten 1UP-Fotokopien gekauft.
Große Murals.
Schwarzweiß.
Relativ simpel.
Dazu irgendwann meine erste Graffiti-DVD.
Heute wirkt das fast absurd.
Damals war das für mich einfach ein Souvenir aus einer Welt, die gleichzeitig völlig offen und komplett verschlossen wirkte und mich in meiner Jugend sehr beeindruckte.
Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Berliner anders auf 1UP schauen als viele Besucher.
Touristen sehen oft das fertige Bild.
Den Spot.
Die Dachkante.
Das Foto.
Viele Berliner erinnern sich eher an das Davor.
An die Gespräche.
Die Gerüchte.
Die Wege entlang der U1.
Die Freunde mit Sprühflecken auf den Schuhen.
Und irgendwann stellt man fest:
Diese drei Buchstaben sind seit Jahren überall. Und man hat nie darüber nachgedacht, warum.
Wie wurde aus Berliner Graffiti plötzlich Weltkultur?
Die kurze Antwort: Weil 1UP nie nur Berliner Wände bemalt hat – sondern früh verstanden hat, dass Graffiti auch Bewegung, Dokumentation und gemeinsame Erfahrung sein kann.
Wenn man an Berliner Graffiti denkt, denkt man schnell an Ringbahn, RAW-Gelände, U-Bahn, North-Side-Gallery, East-Siode-gallery oder Hausdächer.
Aber irgendwann tauchte 1UP nicht mehr nur in Berlin auf.
Athen.
Paris.
Istanbul.
Thailand.
Kuba.
Australien.
Indonesien.
Belgien.
Puerto Rico.
New York.
Mailand.
Tokio.
Und wahrscheinlich noch deutlich mehr Orte, als öffentlich bekannt wurden.
Dabei wirkt spannend, dass Reisen bei 1UP nie wie klassische Street-Art-Touren beschrieben werden.
In Interviews erzählen Mitglieder immer wieder, dass Reisen oft eine Mischung aus Urlaub, Aktionswoche und gemeinsam verbrachter Zeit waren.
Teilweise mit 20 Leuten.
Nicht Hotel.
Nicht Sehenswürdigkeiten.
Sondern Farben, Eimer, neue Orte und der Versuch, irgendwo auf der anderen Seite der Welt nicht Zuschauer zu sein.
Die Crew beschreibt das selbst ziemlich schön:
Nicht als passiver Tourist durch eine Stadt laufen.
Sondern Teil der Straße werden.
Vielleicht erklärt das auch, warum 1UP international anders wahrgenommen wurde als viele klassische Graffiti-Crews.
Sie exportierten nicht nur Schriftzüge.
Sondern eine Berliner Idee.
Zusammen unterwegs sein.
Gemeinsam Risiken eingehen.
Stadt anders lesen.
Sichtbar werden.
Und irgendwann wurde aus Berliner Graffiti plötzlich etwas, das in Ausstellungen, Bildbänden und Kinos auftauchte.
2011 erschien der Film „One United Power“ mit Aktionen aus verschiedenen Ländern und Premiere im Babylon.
Später folgten Ausstellungen – unter anderem bei Urban Spree – sowie die internationale Ausstellung „One Week with 1UP“ gemeinsam mit der Streetart-Fotografin Martha Cooper und ein begleitendes Buch.
Und trotzdem wirkt interessant, dass die Crew selbst erstaunlich wenig über Karriere spricht.
Eher über Reisen.
Über Leute.
Über gemeinsame Zeit.
Über das nächste Ziel.
Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum aus drei Buchstaben irgendwann mehr wurde als Berliner Graffiti.
Ist 1UP Kunst oder Sachbeschädigung?
Die kurze Antwort: Für manche ist 1UP Berliner Stadtkultur. Für andere illegale Sachbeschädigung. Und genau zwischen diesen beiden Positionen bewegt sich die Geschichte der Crew seit über 20 Jahren.
Das ist wahrscheinlich die Frage, die man bei 1UP nicht sauber auflösen kann. Und vielleicht auch nicht sollte.
Denn egal wie man zu Graffiti steht – 1UP funktioniert nicht ohne diesen Konflikt.
Die meisten bekannten Aktionen der Crew entstanden ohne Genehmigung. Züge, U-Bahnen, Fassaden, Dächer oder andere Flächen wurden gegen den Willen der Eigentümer bemalt. Entsprechend gab es über Jahre Ermittlungen, Strafanzeigen und öffentliche Diskussionen. Gleichzeitig blieb die Crew anonym und schwer greifbar.
Und genau an dieser Stelle wird es interessant.
Weil 1UP selbst den Begriff Zerstörung ablehnt.
In Interviews beschreiben Mitglieder ihre Arbeit eher als Eingriff in den öffentlichen Raum. Die Logik dahinter: Eine Wand werde nicht zerstört, sondern verändert. Kosten entstünden erst durch Reinigung. Gleichzeitig wird Werbung im Stadtraum als ebenfalls prägende Kraft beschrieben – nur eben legal und bezahlt.
Das muss man nicht teilen. Aber man sollte verstehen, dass daraus eine ganze Denkweise entsteht.
Nicht: „Wir machen Bilder.“
Sondern: „Wem gehört die Stadt?“
Und das ist keine neue Berliner Frage.
Wenn man sich Berliner Geschichte anschaut, taucht die immer wieder auf.
Bei Hausbesetzungen.
Bei Clubs.
Bei Zwischennutzungen.
Bei Freiflächen.
Bei der Frage, wer sichtbar sein darf.
1UP hat diese Diskussion nicht erfunden. Aber sie haben sie mit Farbe geführt.
Ich merke selbst, dass mir die Frage schwerfällt.
Nicht weil ich keine Antwort hätte. Sondern weil ich mit etwas anderem aufgewachsen bin.
Für mich als Berliner hat sich Graffiti lange nicht wie Ausnahme angefühlt.
Nicht automatisch wie Kunst. Aber auch nicht automatisch wie Zerstörung.
Es war einfach Stadt.
Wie BVG-Sitze.
Wie Spätis.
Wie Baustellen.
Wie diese eine Brandwand, die seit Jahren nie leer blieb.
Erst viel später merkt man, dass andere Städte komplett anders aussehen. Und dass Besucher manchmal vor Dingen stehen bleiben, an denen man selbst jahrelang vorbeigelaufen ist.
Spannend ist auch, dass 1UP selbst nie besonders viel Interesse daran gezeigt hat, vollständig in die Kunstwelt zu wechseln.
Ja – es gab Filme. Ausstellungen. Bücher. Kooperationen. Verkäufe.
Aber selbst dort wirkt vieles erstaunlich pragmatisch.Im Interview erzählen Mitglieder ziemlich offen, dass Einnahmen aus Ausstellungen teilweise Reisen, Anwälte oder Strafen finanzierten.
Nicht als großes Geschäftsmodell – eher als Möglichkeit, weiter unabhängig zu bleiben.Und vielleicht erklärt das auch, warum 1UP bis heute anders wirkt als viele Street-Art-Projekte.
Es entstand nicht aus dem Wunsch, Kunst zu verkaufen.Sondern aus dem Wunsch, sichtbar zu sein.
Und irgendwann wurde daraus trotzdem Kunst für manche.
Für andere bis heute nicht.
Was viele nicht über 1UP wissen
Die kurze Antwort: Hinter den Bildern steckt deutlich mehr Planung, Organisation und Alltag, als die meisten vermuten.
Von außen wirken viele Aktionen spontan.
Die Quellen zeichnen ein anderes Bild.
Maskierung.
Handschuhe.
Vorbereitung.
Aufgabenverteilung.
Teilweise Beobachtungsposten.
Teilweise Leute nur fürs Filmen.
Teilweise Leute nur für Fluchtwege.
Die Crew beschreibt ihre Aktionen nicht als Kamikaze.
Eher als kalkuliertes Risiko.
Wichtig sei nicht, dass jemand heldenhaft wird.
Wichtig sei, dass alle zurückkommen.
Das passt auch zu etwas anderem, das in mehreren Interviews auffällt:
1UP wirkt weniger wie eine klassische Künstlergruppe.
Und mehr wie ein soziales System.
Gemeinsame Reisen.
Gemeinsame Zeit.
Es gibt keine Einzelnamen.
Keine großen Stars.
Selbst Leute, die filmen, aufpassen oder organisieren, werden als Teil der Crew verstanden.
Spannend fand ich auch die Corona-Zeit.
Während für viele die Stadt still wurde, erzählen Mitglieder rückblickend fast das Gegenteil.
Weniger Verkehr.
Mehr abgestellte Züge.
Weniger Sicherheit.
Mehr Möglichkeiten.
Sie beschrieben diese Phase rückblickend fast wie einen endlosen Sommer.
Spontan verabreden.
Jeden Tag unterwegs sein.
Selten hätten sie so viele U-Bahnen bemalt wie in dieser Zeit.
Und dann gibt es noch diese andere Ebene aus dem Tagesspiegel-Porträt.
Die fand ich fast am stärksten.
Nicht wegen Action.
Sondern wegen einer Beobachtung:
Dass manche Menschen irgendwann anfangen, die Stadt anders zu lesen.
Nicht Häuser.
Nicht Sehenswürdigkeiten.
Sondern Dächer.
Zäune.
Linien.
Fluchtwege.
Und irgendwann wird Berlin selbst zur Bühne.
Später beschreibt dieselbe Quelle aber auch Zweifel.
Erster Job.
Büro.
Normale Arbeitszeiten.
Und die ehrliche Frage:
Wenn ich heute nochmal entscheiden könnte – würde ich wieder Sprayer werden?
Die Antwort war überraschend kurz: „Nö.“
Vielleicht ist genau das am Ende die ehrlichste Stelle der ganzen Geschichte.
Dass selbst hinter einer der bekanntesten Graffiti-Crews Berlins keine Superhelden stehen.
Sondern Menschen, die älter werden.
Ist 1UP politisch?
Die kurze Antwort: Ja – zumindest seit einigen Jahren deutlich sichtbarer als früher. Dabei blieb Graffiti ihr Werkzeug und nicht nur ihr Stil.
Wer 1UP nur über große silberne Schriftzüge, Züge oder Dächer kennt, verpasst einen Teil der Geschichte.
Denn irgendwann tauchten neben dem Namen plötzlich Botschaften auf.
Nicht immer.
Nicht ausschließlich.
Aber sichtbar genug, dass selbst innerhalb der Szene darüber diskutiert wurde.
Schon früher gab es politische Bezüge – unter anderem Aktionen gegen G8. Später wurde die politische Positionierung deutlich öffentlicher.
Einer der bekanntesten Momente kam 2020. Mitten in einer Zeit, in der plötzlich vieles stillstand.
Weniger Verkehr.
Leere Straßen.
Weniger Bewegung.
1UP veröffentlichte damals ein Video zur Kampagne „Leave No One Behind“.
Zu sehen waren großflächige Aktionen im öffentlichen Raum – unter anderem mit dem gleichnamigen Schriftzug. Die Botschaft richtete sich gegen Rassismus, soziale Ungerechtigkeit und gegen politische Entwicklungen, die die Crew selbst als gefährlich beschrieben hat. Gleichzeitig sollte Aufmerksamkeit für die Situation von Geflüchteten erzeugt werden.
Kurz darauf folgten weitere politische Aktionen.
Namen von Opfern rechter Gewalt.
Später ein Zug mit den letzten Worten von George Floyd: „I can’t breathe“.
Interessant daran ist nicht nur die Botschaft. Sondern die Reaktion.
Weil die Crew selbst erzählt, dass nicht nur Zustimmung kam.
Sondern auch Gegenwind.
Teilweise von Leuten, die ihre Graffitis mochten – ihre politische Haltung aber nicht.
Das wirkt erstmal widersprüchlich. Vielleicht zeigt es aber etwas, das größer ist als Graffiti.
Dass Sichtbarkeit oft solange gefeiert wird, bis plötzlich klar wird, wofür jemand steht.
Und genau hier wird etwas deutlich, das ich vorher nie so richtig betrachtet hatte:
1UP hat sich nie nur über Stil definiert.
In vielen Interviews tauchen immer wieder ähnliche Begriffe auf.
Freundschaft.
Zusammenhalt.
Gemeinschaft.
Familie.
Reisen.
Kollektiv.
Das erklärt vielleicht auch, warum politische Aussagen irgendwann nicht wie ein Bruch wirken.
Sondern eher wie eine Fortsetzung.
Nicht:
Erst Graffiti.
Dann Politik.
Sondern:
Erst öffentliche Intervention.
Dann andere Inhalte.
Und gleichzeitig bleibt die Frage offen, ob das jeder gut finden muss.
Natürlich nicht.
Auch politische Graffiti bleiben Graffiti.
Auch politische Aussagen im öffentlichen Raum bleiben Eingriffe. Und trotzdem wäre es historisch falsch, so zu tun, als hätte Berliner Graffiti nie politische Ebenen gehabt.
Die hatte die Stadt schon lange vor 1UP.
Hausfassaden.
Hausbesetzungen.
Parolen.
Wände.
Mauern.
Berlin war nie komplett neutral.
Vielleicht wirkt 1UP deshalb für viele Menschen so typisch Berlin.
Nicht weil alle die Botschaften teilen.
Sondern weil die Stadt seit Jahrzehnten daran gewöhnt ist, dass Meinungen nicht nur auf Plakaten stattfinden.
Kann es 1UP heute überhaupt noch einmal geben?
Die kurze Antwort: Wahrscheinlich ja – aber vermutlich nicht mehr auf dieselbe Art.
1UP entstand 2003.
Ein Berlin vor TikTok.
Vor permanenter Handykamera.
Vor Content.
Vor vielen heutigen Eigentumsverhältnissen.
Vor dem Berlin, das heute oft verkauft wird.
Natürlich gab es damals auch Regeln, Anzeigen, Überwachung und Konflikte.
Aber die Stadt hatte an vielen Stellen noch mehr Lücken.
Mehr Brachen.
Mehr Freiräume.
Mehr Dächer, die niemand fotografierte.
Mehr Orte, an denen Dinge einfach passiert sind.
1UP selbst beschreibt in Interviews, dass sich Berlin verändert hat.
Mehr Kommerzialisierung.
Mehr Eigentumslogik.
Mehr gereinigte Oberflächen.
Mehr Räume, die verwaltet statt genutzt werden. Gleichzeitig kritisieren sie, dass Werbung im öffentlichen Raum oft selbstverständlich akzeptiert wird, während Graffiti grundsätzlich als Störung gilt.
Auch ihre Einschätzung zur Graffiti-Szene selbst ist interessant.
Sie sehen die Gefahr, dass Graffiti stärker kommerzialisiert wird und Berlin langfristig etwas verliert, das die Stadt einmal ausgemacht hat.
Und ich merke beim Schreiben, dass ich mich frage, ob ich heute eigentlich noch genauso aufwachsen würde.
Ob ich heute noch an der U1 entlangfahren würde und überall dieselben Namen sehe.
Ob ich heute mit Freunden einfach ins Tacheles verschwinden könnte.
Ob ich heute noch irgendwo Fotokopien von Murals kaufen würde.
Oder ob ich stattdessen einen Instagram-Post speichern würde und weiterlaufe.
Vielleicht verklärt man Jugend immer ein bisschen.
Aber ich glaube, etwas anderes hat sich tatsächlich verändert:
Früher hatte ich oft das Gefühl, dass Dinge in Berlin einfach passiert sind.
Heute habe ich öfter das Gefühl, dass Dinge angekündigt werden.
Und genau deshalb finde ich 1UP als Geschichte spannend.
Nicht weil ich alles gut finde.
Nicht weil ich jedem Graffiti hinterherlaufe.
Nicht weil ich glaube, dass Regeln egal sind.
Sondern weil diese drei Zeichen etwas zeigen, das viele Berlin-Blogs komplett auslassen:
Städte entstehen nicht nur durch Architektur.
Nicht nur durch Investitionen.
Nicht nur durch Sehenswürdigkeiten.
Sondern auch durch Menschen, die sichtbar sein wollen.
Manche mit Genehmigung.
Andere ohne.
Ob man das Kunst nennt oder nicht, muss jeder selbst entscheiden.
Aber zu behaupten, 1UP hätte nichts mit Berliner Geschichte zu tun, würde der Stadt wahrscheinlich nicht gerecht werden.
Und vielleicht ist das am Ende der Unterschied zwischen Touristenblick und Berliner Blick.
Viele Besucher sehen ein Graffiti.
Viele Berliner sehen plötzlich eine Zeit.
Berlin ist keine Sehenswürdigkeit. Berlin ist eine Stadt.
Wir sehen uns im ehrlichen Berlin – oder hier im nächsten Blog.
Haut rein 🖤
VIELE DER BILDER IN DIESEM BEITRAG SIND BEISPIELBILDER UND STAMMEN NICHT VON DEN GENANNTEN KÜNSTLERN.
Häufige Fragen zu 1UP
Was ist 1UP?
1UP ist eine Berliner Graffiti-Crew, die seit 2003 aktiv ist. Der Name steht für „One United Power“.
Bekannt wurde die Gruppe durch großformatige Graffiti, Aktionen im öffentlichen Raum, bemalte Züge und ihre internationale Bekanntheit weit über Berlin hinaus.
Wofür steht der Name 1UP?
1UP steht für „One United Power“, auf Deutsch ungefähr „Eine vereinte Kraft“.
Nach eigener Darstellung stehen Gemeinschaft, Freundschaft, Aktion und Zusammenhalt stärker im Mittelpunkt als einzelne Personen oder individuelle Bekanntheit.
Wo und wann wurde 1UP gegründet?
1UP wurde im September 2003 in Berlin gegründet.
Die Ursprünge der Crew liegen vor allem in Kreuzberg und dem Berliner Graffiti-Umfeld der frühen 2000er.
Warum wurde 1UP überhaupt gegründet?
1UP entstand 2003 in Berlin aus einem kleinen Freundeskreis und entwickelte sich später zu einer größeren Crew.
Im Mittelpunkt standen nach eigener Darstellung nicht einzelne Namen oder Karriere, sondern Gemeinschaft, Aktion und gemeinsame Erlebnisse.
Warum sieht man 1UP überall in Berlin?
1UP setzte früh auf große, sichtbare Flächen wie Dächer, U-Bahnen, Hausfassaden und Züge.
Viele Berliner kennen die drei Buchstaben deshalb seit Jahren aus dem Alltag – oft lange bevor sie wussten, dass dahinter überhaupt eine Crew steckt.
Was macht 1UP besonders?
Im Unterschied zu vielen klassischen Graffiti-Crews steht bei 1UP nicht nur das fertige Bild im Mittelpunkt.
Die Crew beschreibt selbst Aktion, Gemeinschaft, Planung und gemeinsame Erlebnisse als wichtigen Teil ihrer Arbeit.
Was hat 1UP mit dem Berlin der 2000er zu tun?
1UP entstand in einem Berlin mit mehr Freiräumen, Brachen und weniger durchgeplanten Stadträumen als heute.
Für viele Menschen steht die Crew deshalb auch für ein bestimmtes Berliner Lebensgefühl der 2000er und frühen 2010er.
Ist 1UP politisch?
Ja, zumindest in Teilen und besonders sichtbar seit einigen Jahren.
Die Crew griff in Aktionen unter anderem Themen wie Rassismus, Geflüchtete und gesellschaftliche Entwicklungen auf und nutzte Graffiti bewusst als öffentliche Intervention.
Ist Graffiti Sachbeschädigung oder Kunst?
Juristisch sind viele Graffiti ohne Genehmigung Sachbeschädigung.
Gleichzeitig wird Graffiti von vielen Menschen als Kunstform, Subkultur oder Ausdruck von Stadtkultur verstanden. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Geschichte von 1UP.
Warum wurde 1UP weltweit bekannt?
Neben Berliner Aktionen trugen internationale Reisen, Filme, Ausstellungen, Bücher und Social Media dazu bei, dass 1UP weit über Deutschland hinaus bekannt wurde.
Gibt es 1UP heute noch?
1UP ist weiterhin aktiv und taucht bis heute in Berlin und international auf.
Gleichzeitig hat sich die Stadt verändert – und mit ihr auch die Bedingungen, unter denen Graffiti entsteht.
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